bürsten

Worttrennung: bürs|ten

 

Beispiele:

Richard entfernt mit einer Bürste.

Richard reinigt mit einer Bürste.

Richard glättet mit einer Bürste.

Richard behandelt, bearbeitet mit einer Bürste.

Richard koitiert.

 

Auf und ab und auf und ab. Nicht zu stark und nicht zu sanft. Die Kühe haben sich beruhigt, seit dem Tag vor einer Woche. Sie fressen gemächlich vor sich hin, als ob nichts gewesen wäre. Sie fressen und verscheuchen die paar Fliegen, die über die kalten Tage sich im Stall vor ihrem nahen Ende zu verstecken versuchen, mit ihrem wedelnden Schwanz. Und im Takt dazu bürstet Richard die Kühe. Wie es sein Vater ihm beigebracht hatte. Auf und ab. Ganz langsam. Genau so, wie er. So, dass die Kühe gar keinen Unterschied bemerken. Wie an dem Morgen, als der Vater den Bruder mitgenommen hatte, an seiner Stelle. Er war wütend gewesen, auf den Bruder. Bislang war diese halbe Stunde, in der die Zeit stehen blieb und der Vater mit ihm alleine gemächlich die Kühe gebürstet hatte, seine halbe Stunde gewesen. Nur er und sein Vater. Und die Kühe, mit ihrer Wärme und dem gemächlichen Zermalmen des Heus in ihrem Maul. Er muss sich fertig machen. Er muss ins Dorf. Zum Friedhof. Gemeinsam mit seiner Mutter und der Großmutter, die noch immer dieselbe Schürze trägt. Auch wenn Mutter sie angeschrien hat, sie solle die Schürze doch endlich ausziehen. Auch wenn Mutter es nicht erträgt. Großmutter muss sie tragen. Um nicht zu vergessen. Um jeden daran zu erinnern, der sie an diesem Tag mit ihrem sterbenden Enkel am Schoß gesehen hat. Niemals vergessen dürfen wir. Hat sie dem Richard ins Ohr geflüstert. Gott kann nicht richten, wenn wir ihn nicht daran erinnern. Wenn wir nicht so viele Menschen wie möglich daran erinnern, dass unsere und ihre Erinnerungen so laut werden, dass man sie im Geschrei des Schmerzes aller Menschen auch wirklich hört. Und im Richard schreit es. Es schreit so laut, dass er den Rosenkranz, den die Pfarrgemeinde Richtung Kanzel brüllt, nicht hört. Es schreit so laut, dass er die spottenden Blicke seiner Klassenkameraden nicht hört. Es schreit so laut, dass er die geschluckten Tränen aller in der Gemeinde nicht sieht, wie sie Richtung Bauch wandern, wenn sich die Leute abwenden von ihren Gesprächspartnern. In diesen kurzen Momenten, in denen sie sich unbeobachtet fühlen. Jeden dieser Momente nutzen sie, um dieses Gefühl zu schlucken, aufstehen zu müssen. Und laut aufzuschreien ob des Unrechts, das in der geübten Selbstjustiz lag. Aufschreien, ob der Schürze der Großmutter. Und der dreckigen Hände des Richards, dem es nun zukünftig obliegt, die Tiere im Stall zu bürsten. Wie der Vater es getan hatte. Auf und ab und auf und ab.

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